#2 Der Sellerhäuser Bogen

Der Parkbogen Ost wird Schritt für Schritt zu einer grünen Verbindung, Aufenthaltsbereich und Flaniermeile ausgebaut. Bäume, die Schatten bieten sollen werden darauf angepflanzt, Wasserreservebehälter angelegt, Kleinbepflanzung – kurz, der Parkbogen wird zu einem Park auf Stelzen umgebaut.

Angefangen hat es als Gegenteil. 1874-1878 wurde das Sellerhäuser Eisenbahnviadukts gebaut, welches die Verbindungsstrecke Leipzig Hauptbahnhof-Connewitz darstellte. Ein Wall aus Stein und Erde wurde massiv durch das Dorf Sellerhausen getrieben. Als Ergebnis war das Dorf plötzlich zweigeteilt. Der historische Kern rund um die später gebaute Emmauskirche lag getrennt von den Feldern, die von den Bewohnern bestellt wurden. Die Lebensumstände verschlechterten sich massiv. Um die Ernte einzubringen, mussten nun große Umwege in Kauf genommen oder schmale Unterführungen genutzt werden.

Die dörfliche Idylle verschwand, Staub, Ruß und Lärm erfüllte die Luft, wenn die schweren Dampfloks mehrmals stündlich vorbeiratterten.

Es gab erheblichen Widerstand seitens der Dorfbewohner gegen dieses Bauwerk. Offizielle Beschwerden und Petitionen reichten die Bauern beim sächsischen Landtag ein, die Streckenführung war strittig. Warum musste sie so nahe an den Dorfkernen vorbei gehen? Doch die Wirtschaft siegte, im Namen des „Gemeinwohl“ für die Stadt Leipzig wurden die Dorfbewohner überstimmt.

Diejenigen, die ihre Grundstücke auf der geplanten Baufläche hatten wurden zwangsenteignet und entschädigt, eine Entschädigung für die schlechteren Lebensverhältnisse gab es nicht. Die Grundstücksbesitzer verkauften als wirtschaftlichen Trost ihre Restgrundstücke teuer an Investoren, da der großflächige Gemüseanbau auf den zerschnittenen Feldern nicht profitabel sein konnte. Die Investoren errichteten dort die vierstöckigen Gründerzeithäuser, die wir heute noch kennen. In diese zogen große Arbeiterfamilien, die in den übervölkerten Mietskasernen ohne eigenen Hof oder Garten leben mussten, was eine neue soziale Not entstehen ließ.

Um der Enge zu entgehen und die eigene Ernährungslage zu verbessern pachteten sie Restland, welches nicht für den Häuserbau geeignet war. So etwa die feuchten und hochwassergefährdeten Wiesen an der östlichen Ritschke oder die im Schatten des Bahndammes gelegenen Felder. Bald schlossen sie sich in Kleingartenvereinen zusammen. Aus den großen Kohlenäckern entstanden kleinteilige Parzellen, die von jedem gepachtet werden konnten; darauf wurden kleine Lauben errichtet und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut, und den Kindern wurde ein Platz im Grünen geboten.

Die Kosten für das Bauwerk betrugen damals die hohe Summe von 250.000 M. Umgerechnet auf heute wären die 2 Mio. €. Diese wiederum gering anmutende Summe wurde in einer Zeit gezahlt, in der Arbeitslöhne extrem niedrig waren, keine Arbeitsschutzgesetze existierten, ebenso wenig wie Umweltauflagen, komplizierte Lieferketten rund um die Welt ….

Heute würde das Bauwerk sicher das Zehnfache kosten, wenn man es exakt baugleich errichten würde. Aktuell liegen die Sanierungskosten für die 1,5 km für den Sellerhäuser Bogen bei 17,6 Mio €.

Aktuelle Informationen rund um den Parkbogen gibt es auf der Seite der Stadt Leipzig.

2026 – Quartiersmanagement Leipziger Osten

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